Freiwillige Feuerwehr Winkel/Rhg.
Freiwillige Feuerwehr Winkel/Rhg.

1914 - 1945: Kriegswirren

Am 1. August 1914 läuteten die Glocken Sturm - der Erste Weltkrieg brach aus. Die anfänglich allenthalben zu vernehmende Euphorie über das Kriegsabenteuer wich schnell bitterer Ernüchterung. Auch Kameraden der Winkeler Feuerwehr zogen hinaus in den Weltenbrand, um im Dienst für ihr Vaterland ihre Pflicht zu erfüllen. Zeitweise wird der Brandschutz nur noch von acht in der Heimat verbliebenen Kameraden aufrechterhalten. Das Vereinsleben kam nahezu zum Erliegen; von 1914 bis 1919 fanden nur acht Veranstaltungen einschließlich aller Generalversammlungen statt. Das Protokoll hielt einen Brand in Winkel fest, zwei in Mittelheim. Nach vier schicksalsschweren Jahren aber läuteten endlich die Friedensglocken und heimwärts zogen die geschlagenen deutschen Soldaten; doch mancher fehlte. Fünf Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr Winkel kehrten nicht mehr vom Schlachtfeld zurück in die Heimat. Ihnen wurde anlässlich des 15-jährigen Stiftungsfestes am 5. September 1920 auf dem Friedhof zu Winkel im stillen Gedenken eine Gedächtnistafel gewidmet. Am 20. März 1920 veranstaltete die Feuerwehr ein Benefizkonzert zugunsten Not leidender Kinder Winkels. Kam. Andreas Kilian, seit Gründung der Feuerwehr 1. Kommandant, hatte die Wehr nicht nur durch die Kriegsjahre geführt, er zeichnete auch für den Wiederaufbau verantwortlich. Im August 1919 jedoch übergab er aus Altersgründen die Führung der Feuerwehr an Kam. Ernst Schwank. Aus Dankbarkeit für seine Verdienste wurde Kam. Andreas Kilian zum Ehrenkommandanten und damit zum ersten Ehrenmitglied der Wehr ernannt. Lange schon war es ein Wunsch der jungen Feuerwehr gewesen, ihre Ideale auch sichtbar nach außen zeigen zu können.

 

Endlich, im Frühjahr 1922 konnte zum Preis von 5.500 Reichsmark eine Vereinsstandarte angeschafft werden Sie zeigt auf der Vorderseite das Winkeler Wappen, von Reben umrankt, auf purpurnem Grund, und auf der Rückseite das Abbild eines Feuerwehrmannes auf türkisem Grund. Eingefasst wird das Abbild von dem, in großen goldenen Lettern gehaltenen Wahlspruch der Feuerwehr: "Einer für Alle, Alle für Einen".

 

Fahnenweihe 1922

Kam. Ernst Schwank musste 1925 aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als 1. Kommandant niederlegen. Erneut übernahm Ehrenkommandant Kam. Andreas Kilian diese Aufgabe kommissarisch. Im Dezember des gleichen Jahres wurde das Gasthaus Weber mit großer Mehrheit zum Vereinslokal bestimmt. "Unser Vereinswirt stiftete" dann wenig später "ein schönes Tischbanner, gleichfalls ein Fass Bier", vermerkt dazu der Chronist Theo Söngen und fügt an: "Zweiter Kommandant Freimuth sprach im Namen der Wehr besten Dank aus und forderte die Beschenkten auf, ein kräftiges, »Gut-Schlauch« auf das Wohl des Spenders auszubringen." Am 17. November 1926 wurde mit Kam. Josef Wengel ein neuer 1. Kommandant gefunden. War schon im August 1926 zum ersten Mal über die Anschaffung einer leistungsfähigen Motorspritze diskutiert worden, so taucht das Thema zwei Jahre später, im August 1928, erneut auf, diesmal mit der Bemerkung, die Gemeinde wegen einer Anschaffung anzusprechen.

 

Im April 1929 konnte dann bekannt gegeben werden, dass die Wehr eine Eingabe an den Gemeinderat vollzogen habe, in der sie die Dringlichkeit einer neuen Feuerspritze darlegte. Allerdings war man "aufgrund der schweren wirtschaftlichen Lage" bereit, auf eine Motorspritze notfalls zu verzichten und sich stattdessen mit einer guten Saug- und Druckspritze zu begnügen, vor allem auch, dass das Spritzenhaus nicht für eine moderne Motorspritze geeignet sei. Für ihre Verdienste um die Feuerwehr Winkel wurden die Kameraden Bernhard Schönwetter, Bernhard Albert und Adam Marsula zu Ehrenmitgliedern ernannt. Somit hatte die Wehr Ende 1929 vier Ehrenmitglieder sowie 66 aktive und 61 inaktive Mitglieder. Im Übrigen bestand während dieser Jahre in Winkel parallel zur Freiwilligen Feuerwehr eine Pflichtfeuerwehr!

 

Im Februar 1929, einem bitterkalten Wintermonat, brach in Mittelheim Feuer in dem Landrat Dr. Mülhens gehörenden Haus aus. Aus den umliegenden Gemeinden kamen die Feuerwehren, um zu helfen. Die Freiwillige Feuerwehr Winkel war als erste am Brandherd und wurde dafür von der Nassauischen Brandkasse mit einer Prämie von 40 Reichsmark belobigt. Die klirrende Kälte ließ das Wasser in den Schläuchen gefrieren, so dass es mühsam vom Rhein herbeigeschafft werden musste. Ein Jahr später, am 7. Februar 1930, brach in der Sakristei der Winkeler Pfarrkirche Feuer aus. Dem beherzten Eingreifen einiger Anwohner und dem schnellen Einsatz der Feuerwehr Winkel war es zu verdanken, dass Schlimmeres verhindert werden konnte.

 

Am 28. und 29. Juni 1930 konnte die Freiwillige Feuerwehr Winkel ihr 25-jähriges Jubelfest feiern. Doch es ist kein rauschendes Fest. Die Festschrift hielt fest: "So feiert die Freiwillige Feuerwehr Winkel, geläutert durch die Geschehnisse der Zeit, ihr Silbernes Vereinsjubiläum. Ernst sind die Stunden, die Zukunft liegt grau verhüllt vor unseren Blicken, und auf dem deutschen Volke lastet der Druck des verloren gegangenen Krieges. Aus diesem Grunde hat der Jubelverein die Feier dem Ernste der Zeit angepasst." Es war das Jahr, in dem die letzten Besatzungs-truppen das Rheinland verließen, und das Jahr, in dem die Chemische Fabrik Winkel mit fast 600 Arbeitsplätzen geschlossen wurde. Nicht nur für die Bevölkerung, auch für die Feuerwehren waren dies Jahre des harten Ringens um die Existenz.

 

Wie sehr alle in jenen Jahren unter der wirtschaftlichen Krise litten, geht aus dem Beschluss hervor, vorläufig keine Feste benachbarter Wehren zu besuchen, "da die allgemeine Notlage dieses nicht mehr erlaubt". Kam. Eberhard Gerstadt wurde beauftragt, gemeinsam mit arbeitslosen Kameraden die Hydranten instand zu halten. Da für die Anforderung der Motorspritze Oestrich für eine Übung 15 RM erhoben wurden, wurde auf die Herbstübung 1931 mit derselben aus Kostengründen verzichtet. Sogar der traditionelle Neujahrsball fiel 1931 aus, und eine Schreibmaschine, die 1930 in einem Anfall von Euphorie angeschafft worden war, wurde ein Jahr später zum Preis von 100 RM wieder verkauft - allerdings unter Abzug einer Reparatur von 3,50 RM, wie der gewissenhafte Schriftführer vermerkt.

Am 1. April 1931 wird das Gründungsmitglied Kam. Peter Wieger zum Ehrenmitglied ernannt.

 

Zwei Jahre später begann das dunkelste Kapitel in der Geschichte Deutschlands; auch das der Freiwilligen Feuerwehr Winkel. Zweifelsohne gab es, wie überall in der Gesellschaft, in ihren Reihen sowohl Täter als auch Mitläufer und es gab Opportunisten genauso wie Opfer. Rasch verstanden es die braunen Machthaber in jenen Monaten, alle Bereiche des öffentlichen Lebens gleichzuschalten. Auch die Vereine und Verbände ließen sich mehr oder minder bereitwillig instrumentalisieren - auch die Feuerwehr Winkel. Sie folgte der Einladung des Bürgermeisters zu einer nationalen Feier anlässlich der ersten Eröffnung des Reichstages nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, an der alle Winkeler Vereine einen Fackelzug mit anschließender Kundgebung abhielten; die Feuerwehrkapelle eröffnete diese mit einem "Lobet den Herrn" und beschloss sie mit dem Deutschlandlied - welch ein Abstieg. Wie schnell auch die Feuerwehr Winkel vom neuen Zeitgeist erfasst wurde, zeigt ein Zeitungsbericht vom 15. Mai 1933 über die tags zuvor stattgefundene Jahreshauptversammlung, zu der "wegen der großen Bedeutung, welche dieser Versammlung zugrunde liegt" alle Kameraden dringend eingeladen wurden. Ganz neue Töne klangen hier an. In längeren Vorträgen wurde darauf verwiesen, dass sich der deutsche Feuerwehrverband sich einmütig hinter die neue nationale Regierung gestellt habe. Weiter wurde ausgeführt, die Freiwilligen Feuerwehren seien mehr als alle anderen Verbände mit der neuen nationalen Regierung verbunden, deren oberster Grundsatz "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" sei. Weiterhin sei "gerade die freiwillige Feuerwehr durch ihre Prinzipien mit dem Nationalsozialismus, dem Träger unserer heutigen Staatsmacht, verbunden und verwandt." Zur Bekräftigung und zum Zeichen "einmütigen Bekenntnisses zur nationalen Regierung wurde das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied gesungen" und "mit einem dreifachen Sieg-Heil auf die neue Regierung und den Führer Adolf Hitler bekräftigt" - die Nationalsozialisten hatten nach der Machtergreifung keine vier Monate gebraucht, um die Feuerwehr Winkel unter ihre Kontrolle zu bringen. Eine Wende fürwahr in der Vereinsgeschichte!

Noch im gleichen Monat wurde per "Dringlichkeitsantrag", wie das Protokoll meldet, die Forderung eingebracht, "zum äußeren Zeichen der engen Verbundenheit einen schwarz-weiß-roten Wimpel mit dem Hakenkreuz an das Vereinsbanner anzuheften". Dem Dringlichkeitsantrag wurde stattgegeben. Teilnahme an so genannten "Deutschen Abenden" & mit Schlageter-Kult oder an "belehrenden und zugleich abwechslungsreichen" Veranstaltungen der Organisation "Kraft durch Freude" wurden ebenso Teil des Vereinslebens wie die Teilnahme an Sonnwendfeiern und anderen Veranstaltungen am "Nationaldenkmal auf dem Niederwald". Auch der Reichsluftschutzverband, zusammen mit der Gas- und Luftschutzschule, meldete sich, und schon im August folgte eine erste Luftschutzübung auf dem Sportplatz am Rhein. Am 9. November 1933 wurden "sämtliche Kameraden aufgefordert, sich, samt wahlberechtigten Angehörigen, an der Volksabstimmung und Reichswahl zu beteiligen. Anbei eine Karte, die jeder Kamerad im Wahllokal dem Vertrauensmann abzugeben hat. Unsere Wehr wird am Sonntag kontrollieren, ob sich auch sämtliche Kameraden an der Volksabstimmung beteiligen." Am 8. März 1934 war die Gleichschaltung abgeschlossen, als den Vorständen aller Winkeler Vereine "anheim gegeben wurde, ihre Mitglieder zum Eintritt in die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt aufzufordern. Unsere Wehr wird dieser Aufforderung selbstverständlich nachkommen."

 

Am 6. Juni 1934 schied Kam. Josef Wengel wegen Erreichens der Altersgrenze aus seinem Amt als Wehrführer aus. Zum neuen Wehrführer wurde Oberbrandmeister Josef Lay ernannt. Der Gemeindeschulz, Dr. Hager, übergab ihm die Wehr mit der Aufforderung, sie "zu einem brauchbaren Instrumente im Sinne des neuen Staates zu gestalten", und der Kreiswehrführer Karl Koch referierte über "die neuen Grundlagen und Ziele der freiwilligen Wehren, die nichts mehr mit dem früheren Vereinswesen zu tun" hätten. Auch der neue Wehrführer schwor die Kameraden auf den Nationalsozialismus ein - und diese stimmten begeistert zu. Er unterrichtete die Kameraden ebenfalls über die Umstrukturierung der Freiwilligen Feuerwehren, die nunmehr in Feuerlöschpolizeibehörden eingegliedert wurden. Schnell wurde die Sprache deutlicher: Übungen und Appelle wurden zur Pflicht gemacht, selbst wenn sie, wie am 15. Juli 1934, sonntags morgens um 5 Uhr stattfanden: "Wer unentschuldigt fehlt oder verspätet eintrifft, beweist, dass er den Geist der neuen Zeit nicht versteht. [...] Ich erwarte vollzähligen Besuch, straffe Disziplin und würde es bedauern, für unentschuldigtes Fernbleiben Strafen ansetzen zu müssen. Die Vereidigung der Kameraden findet vor dem Appell statt." Es überrascht nicht, dass zwischen Juli und September des Jahres 1934 ein halbes Dutzend Austritte aus den verschiedensten Gründen zu verzeichnen waren. Offenbar waren nicht alle willens, dem neuen Zeitgeist zu folgen.

 

Eine interessante Episode aus jenen Jahren, die ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis von Wehr und Partei wirft, ist der Erlass des Ministers des Inneren vom 15. August 1934. Es heißt dort: "Im Interesse der Leistungsfähigkeit der Feuerwehren ist es unerwünscht, dass Feuerwehrmänner oder Feuerwehrführer gleichzeitig auch Mitglieder der SA oder SS sind, da durch die doppelte Inanspruchnahme die Dienstfreudigkeit der Feuerwehrmänner erheblich leidet. Ich ordne hiermit an, dass in Zukunft kein Mitglied einer anerkannten Berufs- oder freiwilligen Feuerwehr mehr Mitglied der SA oder SS sein darf. Feuerwehrmänner haben unverzüglich ihren Austritt aus SS oder SA zu erklären. Die Meldungen sind schriftlich zu erstatten." Bereits eine Woche später kam die Antwort: "Die SA-Männer in der Wehr erklären zu dieser Aufforderung, dass ihnen von den Führerstellen mitgeteilt worden sei, die Feuerwehr habe nichts zu sagen, und ehe sie von der SA keine Anweisung bekämen, sollten sie nichts unternehmen."

 

Ab 1934 wurden die Dokumente spärlicher und beschränkten sich schließlich auf wenige Einladungen zu Konzerten, Familienabenden, Erntedankfesten, Aufmärschen und Appellen, die heute nur noch aus jenem Zeitgeist heraus verstanden werden können. Ab März 1935 wurden von allen Kameraden Verpflichtungserklärungen abverlangt, in denen sie Gehorsam und Treue geloben mussten. Weiterhin existieren noch einigen Ausgabescheine für Dienstkleidung aus den Tagen unmittelbar vor Kriegsausbruch und eine Mitgliederliste von 1940.

 

Ab 1937 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind ansonsten keinerlei Dokumente oder Protokolle erhalten geblieben. Darüber, ob keine angefertigt wurden, ob sie in den Kriegswirren verloren gingen oder ob sie nach dem Ende der Diktatur aus nahe liegenden Gründen vernichtet wurden, kann nur spekuliert werden.

 

Die Kameraden der Winkeler Wehr waren während der Kriegsjahre nach Bombenangriffen beim Luftschutz unter anderem in Rüdesheim, Darmstadt und Mainz eingesetzt. Andere hatten, fern der Heimat, nicht das Glück, nach Hause zurückzukehren. Heute noch hängt im Eingang der Winkeler Pfarrkirche eine Ehrentafel zum Gedenken an die Gefallenen Winkels und zur stillen Mahnung der Lebenden. Daher ist - und bleibt - die Teilnahme am Volkstrauertag fester Bestandteil im Vereinsleben der Freiwilligen Feuerwehr Winkel.

Freiwillige Feuerwehr Winkel/Rhg. 1905 e.V.

Kirchstr. 126

65375 Oestrich-Winkel

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